Artikel von Roland Heine , NEUES DEUTSCHLAND vom 4.2.2012

VerheK+Ste Gegend

An der Werra, im Reich der Kali und Salz AG, scheint die Zeit stehen geblieben: Es ist, als dauere der Zweite Weltkrieg noch an

 

Ein Hauch von Wattenmeer liegt in der Thüringer Luft, und wer sich umschaut, kann hier im Werratal noch manch andere Seltsamkeit entdecken: Berge, die je nach Luftfeuchte die Farbe verändern, einen Kiessee, der nie zufriert, Wiesen, auf denen Salzmieren und andere Küstenpflanzen wachsen.
 
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»Wahrzeichen unserer Heimat«: der Abraumberg des hessischen
K+S-Standortes Philippsthal, am Fuß das thüringische Unterbreizbach

 

Am Rand des Werra-Dörfchens Dippach steht Klaus Reinhardt und zeigt auf nasses Grasland mit großen braunen Flecken: »Das war mal ein ganz normaler Acker, jetzt steht hier Salzwasser, Fläche und Konzentration werden immer größer.« Reinhardt, über Jahrzehnte im Autowerk Eisenach beschäftigt, ist Vorsitzender der Bürgerinitiative »Für ein lebenswertes Werratal« und er kennt etliche solcher Salzwiesen in der Gegend.

In der nahen Werra wälzt sich eine braune Brühe. »Erhöhter Wasserstand«, sagt Reinhardt: »Günstig für K+S, seine Kali-Lauge in den Fluss zu lassen.« In der Werra leben von hier bis zur Weser nur noch wenige Arten, dafür ist ein fremder Salzwasser-Flohkrebs überall zu finden, im Sommer wuchert Tang im kaliumüberdüngten Wasser, verstopft die Wehre. Nach Europäischer Wasserrahmenrichtlinie fällt die Werra in Klasse 5 - schlechtest möglicher Zustand.

Die Wanne ist längst voll

 

Ein Stück weiter liegt Gerstungen, der letzte Ort hier, für den das Trinkwasser nicht von außerhalb herangeschafft werden muss - bisher. Denn auch in Gerstungen sind die Brunnen vom Salz bedroht. »Das, was da läuft, ist russisches Roulette«, sagt Bürgermeister Werner Hartung. Seit Jahren kämpft der Ort gegen die Gefahr, auch mit juristischen Mitteln.

Der Gegner sitzt im fernen Kassel und ist einer der weltgrößten Anbieter von kali- und magnesiumhaltigen Produkten für Landwirtschaft und Industrie. Das DAX-Unternehmen K+S AG hat rund 14 000 Beschäftigte, mehrere tausend davon im Werragebiet - wodurch die Sache für Dippach oder Gerstungen nicht einfacher wird.

Was sich an der Werra abspielt, kaum bemerkt von der bundesdeutschen Öffentlichkeit, ist einer der dramatischsten Konflikte zwischen Profitinteressen und Umweltschutz in Deutschland. Noch verschärft wird er durch die Brisanz der Arbeitsplatzfrage in der Region. Seit mehr als 100 Jahren wird hier Kali, ein wertvoller Dünger, abgebaut - die entstehenden salzigen Abwässer wurden schon früh in den Fluss geschüttet oder in den Boden gepumpt, während auf den Wiesen salzhaltige Abraumhalden wuchsen.

Nach Einverleibung der DDR-Kali-Industrie durch die K+S AG werden heute an der Werra noch drei Schachtanlagen betrieben, zwei auf hessischer Seite, eine in Thüringen. Doch die Wanne ist voll, sagt Reinhardt, und zeigt auf das aufsteigende Salzwasser auf der Dippacher Wiese. Ein Liter davon, in Gänze verkocht, kann schon mal 60 Gramm Salz ergeben. Die alten Methoden der Abfallbeseitigung, da sind sich die K+S-Kritiker einig, müssen ein Ende haben. Der Konzern steht indessen auf dem Standpunkt, dass die aufgestiegene Brühe nicht identisch ist mit dem verpressten Abwasser.

Sagenhafte 6,99 Millionen Tonnen an Dünger und anderen Produkten hat K+S 2010 abgesetzt, 61 Prozent (!) mehr als 2009. Doch mit jeder Tonne wächst die Umweltbelastung in den Fördergebieten. »Mehr als zehn Millionen Kubikmeter Abwasserlauge fallen jährlich an, die Hälfte wird in den Boden gepresst, der Rest in die Werra geleitet«, erklärt Katja Wolf. Die Landtagsabgeordnete der LINKEN hat ihren Wahlkreis hier und kennt sich aus: »Die Theorie besagt, dass die Lauge von der porösen Dolomitschicht einige hundert Meter unter uns festgehalten wird. Doch das Zeug wandert.«

Insgesamt wurden an der Werra seit den 1920er Jahren rund eine Milliarde Kubikmeter Lauge verpresst, unter Tage entstand ein riesiger Salzsee. Die »Versenkräume«, so meinen Experten, können diese Mengen nicht mehr aufnehmen, Salzwasser steigt in die Höhe, schließlich an die Oberfläche: in Brunnen, Keller, Bodensenken. Und in die Werra: Etwa ein Drittel der jährlich versenkten Laugenmenge, so stellte Hessens Landesumweltamt fest, gelangt in den Fluss. Bei Niedrigwasser wird der Chlorid-Grenzwert bereits allein dadurch erreicht.

Doch was für Grenzwerte überhaupt? »In dieser Beziehung«, sagt Walter Hölzel, »ist in dieser Region der Zweite Weltkrieg bis heute nicht beendet.« Hölzel, Erster Stadtrat im hessischen Witzenhausen, ist nicht nur Vorsitzender der Werra-Weser-Anrainerkonferenz e.V. sondern auch Chemiker: »An der Werra gilt ein Chlorid-Grenzwert von 2500 Milligramm/Liter. Der stammt von 1942, und die Heraufsetzung war seinerzeit ausdrücklich nur für die Zeit des Krieges vorgesehen.« Für die Kriegsproduktion wurde damals auch der Grenzwert für die Wasserhärte der Werra auf 55 dH erhöht, was um ein Mehrfaches über den üblichen Trinkwasserhärten liegt. »Auf Antrag der K+S AG wurde der Wert auf 90 dH herauf gesetzt«, sagt Hölzel.

Ein Pipelineprojekt zur Ablenkung

 

Und dann sind da noch die Halden, der »Monte Kali« etwa, wie man das weiß-graue Monstrum bei Heringen hier nennt. Entstanden ist der Riesenberg erst in den letzten 20 Jahren, mehr als 200 Meter ragen fast 200 Millionen Tonnen Salzabraum in den Himmel, viel zu steil für eine Abdeckung mit Erdreich. Und täglich werden es mehr. »Hier setzt K+S«, sagt Wolf, »erklärtermaßen auf natürliche Abtragung durch Niederschlag.« Doch nicht nur, dass dies hunderte von Jahren dauern würde - wohin mit der abfließenden Lauge, derzeit rund eine Million Kubikmeter im Jahr? Verpressen oder gleich in die Werra? Und was ist mit der Luft? Die Straßenlampen in Widdershausen am »Monte Kali« verheißen da nichts Gutes: Sie sind sind stark verrostet, aber nur haldenseitig. »Es gibt Hinweise auf erhöhte Krebsraten, wissenschaftliche Untersuchungen fehlen jedoch«, sagt Reinhardt.

Das hessische Philippsthal liegt nur ein Stück flussauf, doch hier sieht man vieles ganz anders. Die 4000-Einwohner-Gemeinde ist K+S-Standort und nahm 2011 zwanzig Millionen Euro an Gewerbesteuern ein. Für Bürgermeister Ralf Orth sind die Abraumberge »mittlerweile zu Wahrzeichen unserer Heimat geworden«, offene Unterstützer hat die Werratal-Bürgerinitiative hier kaum, Feinde schon. Katja Wolf schlägt den Bogen weiter nach Kassel, wo die K+S-Zentrale wichtigster Steuerzahler ist und die zuständigen Genehmigungsbehörden sitzen - fernab vom Salzproblem. »Entsprechend ist die Sicht der Verantwortlichen.«

Vor der Schachtanlage Philippsthal hängt ein blaues Transparent über der Straße: »Wir investieren 360 Millionen Euro in den Umweltschutz.« Tatsächlich: 2008 versprach K+S, diese Summe in den nächsten Jahren einzusetzen, um das Salzwasseraufkommen an der Werra auf sieben Millionen Kubikmeter im Jahr zu reduzieren. Doch die Verpressung soll weitergehen, auch die Einleitung in die Werra.

Für die K+S-Kritiker handelt es sich ohnehin um Modernisierungsinvestitionen, die so oder so fällig waren. Anrainerkonferenzchef Hölzel spricht von »Intensivierung der jetzigen Entsorgungswege« und dem Bestreben, »die genehmigten Grenzwerte jederzeit vollständig ausschöpfen zu können«. Etwa durch neue Speicherbecken, wie man im Gerstunger Rathaus meint. Dass K+S auch eine Laugenpipeline zur Nordsee beantragen will, ist nicht nur für den Bürgermeister ein Ablenkungsmanöver: »Das folgt erstens dem Sankt-Florian-Prinzip und wird zweitens nie genehmigt werden.«

Rücktransport in die Gruben wäre möglich

 

Aber was ist die Alternative? Weniger Kali abbauen? Die Anrainerkonferenz verweist darauf, dass die Laugen durchaus chemisch oder thermisch verfestigt werden und dann in die Gruben zurückgebracht werden könnten. Das Auffüllen würde auch die Bergsicherheit erhöhen und es sogar ermöglichen, jene Kali-Pfeiler abzubauen, die aus Stabilitätsgründen beim Abbau sonst stehen bleiben. Der Zeitpunkt, an dem die Gruben erschöpft sind, würde so hinaus geschoben. »Doch dazu müsste K+S zunächst etwas tiefer in die Tasche greifen«, sagt Wolf. »Und das will man nicht - solange es wie bisher laufen kann.« Seit einiger Zeit darf K+S sogar bergwerkfremde Abfälle in die Gruben schaffen, was natürlich ebenfalls Geld bringt.

Wie man sich bei K+S, dessen Gewinn 2010 fast eine halbe Milliarde Euro betrug, Problemlösungen vorstellt, ist auch in Philippsthal zu besichtigen. 2008 nämlich musste der Konzern auf Anordnung des Regierungspräsidiums Kassel am Standort Neuhof bei Fulda immerhin die Verpressung stoppen. Der Grund: erschöpfte Hohlräume. Seitdem wird die Brühe mit Tankwagen über 60 Kilometer nach Philippsthal gekarrt - und dort über ein großes Rohr auch noch in die Werra geleitet.

 

Kommentar zu diesem Artikel im ND von Karin Masche aus Fulda vom 8.2. 2012:

 

Sehr gut dargestellt!

 

Der Artikel ist rundrum klasse (na ja, abgesehen von dem kleinen Lapsus mit den Hohlräumen, wir bekommen die Brühe in den angeblichen "Schwamm" Plattendolomit versenkt)
Das Argument der Bergsicherheit ist mE sehr wichtig, da sonst Geländeabsenkungen drohen. Wir brauchen den Abraum wieder untertage! Noch deutlicher hätte man machen können, was "bergfremde" Materialien sind. Es handelt sich dabei z.B. um Filterstäube aus der Müllverbrennung. Die werden von überall her gekarrt. Es sind schon LKWs aus Frankreich auf der A4 mit ihren Filterstäuben in Brand geraten, die auf dem Weg zur Anlieferung für Spülversatz waren.

Den Aufschrei hat es gegeben und da gibts auch keine Ruhe, in Thüringen, wie auch in Hessen. 2008 waren die Forderungen in Hessen bereits im Landtagswahlprogamm der LINKEn und zwar mit der nachhaltigen Lösung Versatz des Abraums statt abspülen über 1000 Jahre. Die Grünen halten an ihrer Forderung nach Laugenpipelines fest, übersehen aber, dass Einleitung ökologische Folgen für das UNESCO Reservat Wattenmeer hat, da die Abwässer eine andere Zusammensetzung als das Salzwasser der Meere haben. Statt großen Anteils NA-CL ist es Mg-Cl und Kcl. Salz ist nicht gleich Salz. Und zahlen sollen wir dann auch noch für Bau und immerwährende Erneuerung der Anlagen - 1000 Jahre lang! Nein Nein, wenn der Dax Konzern jetzt seine Profite macht, dann soll er auch jetzt für Abhilfe sorgen. Wir kennen das Spiel: die Profite für die Konzerne, die Kosten für die Allgemeinheit. Das haben wir durchschaut. Ich find gut, dass die Landtagfraktion in Hessen das immer wieder in ihren Anfragen und Landtagsreden zum Ausdruck bringt Im übrigen gehört die Hessische Verfassung in diesem Punkt endlich umgesetzt:

"Mit Inkrafttreten dieser Verfassung werden

1. in Gemeineigentum überführt: der Bergbau (Kohlen, Kali, Erze), die Betriebe der Eisen- und Stahlerzeugung, die Betriebe der Energiewirtschaft und das an Schienen oder Oberleitungen gebundene Verkehrswesen"

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