Wir dokumentieren die Rede von Silvia Gingold bei der Auftaktkundgebung zum Kasseler Ostermarsch am 9.4.12 am Mahnmal „Die Rampe“:

 

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Ostermarsches

 

Wenn ich an unserem traditionellen Stopp des Ostermarsches hier am Mahnmal „die Rampe“ diesen Güterwaggon sehe, muss ich an meine Tante Dora denken, die Schwester meines Vaters, Peter Gingold. Sie schrieb im Februar 1943:

 

„Ich bin jetzt im verplombten Wagen. Es ist gar nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt. Wir haben sogar sehr viel Luft von drei Gitterfenstern. Die Türen und Fenster sind aus ganz morschen Brettern. Ich hoffe, dass es ganz leicht sein wird, auszurücken… Macht Euch keine Sorgen um mich, bleibt mir gesund – wir werden uns zurückfinden, es wird schon alles gut werden. Es küsst Euch Eure Dora“.

 

Das war Doras letztes Lebenszeichen. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Auf dem Transport von Paris nach Auschwitz in einem dieser Güterwaggons, gelang es ihr, diesen Brief, mit dem sie die Familie beruhigen wollte, aus dem Zug zu werfen.

Dora wie auch ihr Bruder Leo, mein Onkel, der unter tragischen Umständen durch die Gestapo verhaftet wurde, gehörten zu den Hunderttausenden Juden, die nach qualvoller Fahrt an der Rampe in Auschwitz in den Tod geschickt wurden und entweder in den Gaskammern oder , geschwächt von Arbeit, Hunger und Kälte, ein qualvolles Ende fanden.

 

Die in Kassel geborene Künstlerin Eva René Nele schuf in den 80er Jahren das Mahnmal mit dem Titel „Die Rampe – Ankunft und Ende“, um an die Deportationen, Selektionen und Vernichtung von Menschen durch die Faschisten, an das Leiden und Sterben vieler Kasseler Juden, an die Ausbeutung tausender Zwangsarbeiter durch die in Kassel ansässige Firma Henschel zu erinnern.

 

Welch aktuelle Bedeutung ihr Mahnmal hier an diesem Ort heute wieder erlangen würde, hat sich die Künstlerin sicher so nicht vorstellen können.

 

Bis hierher in die Kasseler Nordstadt führt die Blutspur der Neonazis, wo Halit Yozgat als 9. Opfer rassistischen Terrors ermordet wurde.

 

Auf einmal gaben sich die politisch Verantwortlichen in unserem Land überrascht und entsetzt. Eine Verkettung von Fehlern und Pannen habe die rechtzeitige Aufklärung der Morde verhindert. Welch eine Heuchelei!

 

Als ob die Neonazis vom Himmel gefallen wären. Als ob es keine Orte wie Solingen, Mölln, Hoyerswerda gegeben hätte, Orte, die stellvertretend für zigfache brutale rassistisch motivierte Angriffe auf Menschen in unserem Land stehen; als ob bei uns nicht seit Jahren der Boden für ein Klima des Ausländerhasses, der Angst vor „Überfremdung“ bereitet wurde; als ob ein in vielen Medien hoch gelobter Sarrazin diese Angst durch seine rassistischen und menschenverachtenden Thesen nicht noch weiter geschürt und angeheizt hätte.

 

Als ob diese Morde nicht geschehen konnten, obwohl der Verfassungsschutz die Naziterroristen im Visier hatte. Vor diesem Verfassungsschutz muss die Verfassung geschützt werden!

 

Denn von Anfang an machte sich dieses Amt die Erfahrungen von früheren Mitarbeitern von SS, Gestapo und NS-Geheimdiensten zunutze.

                                                                                                                                                                                                 Der ehemalige SS-Obersturmbannführer Kurt Lischka beispielsweise, der für die Deportation von 76.000 Juden aus Frankreich in Konzentrationslager verantwortlich war, konnte bis 1980 unbehelligt in der Bundesrepublik leben und war zeitweilig Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

 

Und auch in der Regierung, der Verwaltung und Justiz, bei Polizei, Militär und Geheimdiensten nahmen nach 1945 in der Bundesrepublik ehemalige Nazifunktionäre wieder führende Positionen ein. Der Schriftsteller Bernt Engelmann stellte in den 70er Jahren fest: „Verblüffenderweise sitzen heute von den ehemaligen Führern der Terroristengruppe nur wenige hinter Gittern, aber etliche im Bundestag.“

 

Antifaschistische Widerstandskämpfer erklärten 1997 in einem „Appell an die Jugend“:„Als wir 1945 befreit waren, hielten wir es für unvorstellbar, dass ihr als Nachgeborene erneut mit Nazismus, Rassismus, mit auflebendem Nationalismus und Militarismus konfrontiert würdet“.

 

Es war für sie auch unvorstellbar, dass diejenigen, die in der antifaschistischen Tradition der Widerstandskämpfer stehen, für ihr Engagement einmal bespitzelt, verhört, Berufsverbot bekommen würden, wie dies in den 70er Jahren tausendfach geschah. Und sie konnten es sich auch nicht vorstellen, dass Nazigegner, die sich den Neonazis in den Weg stellen, heute unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, kriminalisiert, tausendfache Handy-Daten von ihnen gespeichert und sie Strafverfolgungen ausgesetzt werden, während die Polizei Aufmärsche der Neonazis schützt.

 

Als meine Eltern, die in Frankreich in der Résistance gegen Hitler kämpften, später als Zeitzeugen oft gefragt wurden, ob sie angesichts dieses wieder erstarkenden Rassismus nicht resignieren, antworteten sie sinngemäß

 

Hitler, Krieg und Auschwitz waren möglich, weil die Antifaschisten, die Demokraten, die Sozialdemokraten und Kommunisten nicht zusammenstanden… Erst im illegalen Widerstand, im Zuchthaus und KZ haben wir uns verständigt und niemanden mehr gefragt, wer er sei. Aber es war zu spät. Schrecklich waren die Folgen. Wiederholt unsere Fehler nicht, macht es besser als wir, steht zusammen! Die Faschisten sind nicht an die Macht gekommen, weil sie stärker waren als ihre Gegner, sondern weil wir uns nicht rechtzeitig zusammengefunden haben. Dafür gab es nur eine einzige Entschuldigung. Viele haben nicht gewusst, zu welchen Verbrechen der Faschismus fähig sein würde. Aber heute haben wir alle diese Erfahrung. Heute gibt es keine Entschuldigung, wenn wir nicht rechtzeitig die drohenden Gefahren von rechts stoppen.

 

 

Es ist gut, dass die Stadt Kassel den Platz vor dem Hauptfriedhof nach Halit Yozgat benennen will. Es ist gut, dass die 7 betroffenen Städte der Mordserie ein gemeinsames Zeichen gegen den Neonazi-Terror setzen wollen. „Nie wieder!“ lautet die gemeinsame Mahnung.

„Nie wieder“ muss heißen:

Den Neonazis darf keinen Fußbreit Raum gewährt werden, nicht in Kassel und nicht anderswo!

 

Projekte gegen Nazis müssen gefördert und dürfen nicht durch die unsägliche Extremismusklausel behindert werden.

 

Die NPD und alle rassistischen, antisemitischen und ausländerfeindlichen Aktivitäten müssen verboten werden.

 

 

Aufruf zum Ostermarsch in Kassel: Ostermontag, 9. April 2012

 

„Kein Krieg dient den Menschenrechten“1

  

1 Barbara Lochbihler, eh. Generalsekretärin von amnesty

international Deutschland, Abgeordnete im Europaparlament

  

Afghanistan: Seit über einem Jahrzehnt führt die NATO in Afghanistan unter dem Vorwand der „humanitären Intervention“ einen Krieg für wirtschaftliche und machtpolitische Interessen. Die Bilanz ist verheerend: Jahr für Jahr steigende Opferzahlen, insbesondere unter der Zivilbevölkerung, zerstörte Infrastruktur, mangelnde Ernährung, zunehmende Armut. - Die Bundeswehr beteiligt sich an diesem Krieg, für den es keine militärische Lösung und keine gesellschaftliche Akzeptanz gibt.

 

Wir fordern: Einstellung aller Kampfhandlungen; sofortiger Abzug der Truppen aus Afghanistan; mehr Mittel für den zivilen Aufbau

 

Syrien, Iran: Das brutale Vorgehen des Assad-Regimes in Syrien gegen die eigene Bevölkerung und die Eskalation hin zum Bürgerkrieg rechtfertigen keine Militärintervention von außen. Gemäß Völkerrecht gilt: Die Gestaltung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung eines Landes ist ausschließlich die Angelegenheit seiner Bevölkerung. Libyen hat doch gezeigt, dass der angebliche „Schutz“ der Bevölkerung vor den Angriffen des Regimes nicht funktioniert. Nach Angaben der „Rebellen“ starben während des NATO-Krieges 40- bis 50 Tausend Menschen.

Seit einiger Zeit wird von „Militärschlägen“ gegen Ziele im Iran gesprochen. Begründet wird dies mit dem iranischen Griff nach der Atombombe. Dafür gibt es keine Belege. Die USA und die EU-Regierungen gehen davon aus, dass der Iran Atomwaffen entwickelt, weil er die zivile Atomindustrie vorantreibt. Letzteres kann dem Iran nach internationalem Recht nicht verweigert werden. Die nun vom Westen beschlossene Embargo-Politik trifft in erster Linie die iranische Bevölkerung. Die Region steht bereits jetzt am Rand eines Krieges.

 

Wir fordern: Keine Militärintervention in Syrien, im Iran / Verhandlungen statt Kriegsrhetorik

 

Israel, Palästina: Nach Feststellungen der israelische Organisation „Frieden jetzt“ hat die israelische Regierung im vergangenen Jahr mehr Baugenehmigungen in Ostjerusalem und im Westjordanland vergeben als jemals in den vergangenen zehn Jahren. Damit haben sich die Chancen auf erfolgreiche Friedensverhandlungen weiter verschlechtert. Die Kräfteverhältnisse in diesem Konflikt sind extrem unterschiedlich; beide Seiten müssen ihrer Verantwortung gerecht werden. Nur internationale Anstrengungen können zu erfolgreichen Verhandlungen führen.

 

Wir fordern: Internationale Durchsetzung der Zwei-Staaten-Lösung

 

Rüstungsexport: Deutschland ist weltweit der drittgrößte Rüstungsexporteur. Geliefert wird auch in Spannungsgebiete und diktatorisch regierte Staaten. So wurde vor einiger Zeit bekannt, dass der Bundessicherheitsrat die Ausfuhr von 200 Leopard-2-Kampfpanzern nach Saudi-Arabien genehmigt hat. Die Panzer werden bei Krauss-Maffei Wegmann (München-Kassel) gebaut. Gegen dieses Panzergeschäft protestierten in Kassel viele Menschen mit ihrer Unterschrift. - Auch dient es nicht dem Frieden in der Welt, wenn die Bundeskanzlerin als Handlungsreisende in Sachen Rüstungsexporte unterwegs ist. So bei den Angeboten: Eurofighter für Indien, Patrouillenboote für Angola, Panzer für Indonesien, U-Boote für Israel.

 

Wir fordern: Stopp der Rüstungsexporte und Konversion (Umwandlung) der Rüstungsproduktion

 

Neonazis und Verfassungsschutz: Jahrelang konnten Neonazis Gewalt ausüben und Morde begehen, ohne dass der Verfassungsschutz davon Kenntnis nahm oder nehmen wollte. Die Blindheit des Verfassungsschutzes auf dem rechten Auge ist ein Skandal. Taten der Neonazis wurden nicht aufgeklärt, aber kritische Demokraten geheimdienstlich beobachtet und verfolgt.

 

Wir fordern zum demokratischen Widerstand gegen die braune Gefahr auf und verlangen, die behördliche Behinderung des antifaschistischen Widerstandes zu beenden.

 

 

 

 Wir freuen uns auf das nächste UZ-Pressefest, das große Volksfest der DKP in Dortmund vom 7.-9. September 2018

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